02.01.2021
Von Bologna über die marokkanische Nationalmannschaft nach Südtirol
In der Pianura Bolognese befindet sich zwischen Bologna und Ferrara in etwa auf halber Strecke die Ortschaft Bentivoglio, durch welche sich der Canale Navile – die antike Verbindungsstraße zwischen Venedig und dem Adriatischen Meer – zieht. Genau dort, in jenem 5500-Seelen-Dorf, wurde am 22. Mai 1998 Hamza El Kaouakibi geboren, der junge Abwehr-Hüne, welcher seit dem Sommer in den Reihen des FC Südtirol spielt. Fußballerisch gereift ist der 22-Jährige in Bologna, bevor er in der Saison 2018/2019 das Trikot von Pistoiese in der Serie C überstreifte: am Ende standen 30 Einsätze in der Meisterschaft (3 Tore, 1 Assist) sowie eine Partie im Serie-C-Italienpokal zu Buche. Im Juli 2019 wechselte El Kaouakibi nach Piacenza, wo sechs Einsätze in der Meisterschaft sowie deren drei im Italienpokal zustande kamen. Mitte Jänner wurde er von Pianese verpflichtet, wo er für weitere sechs reguläre Meisterschaftsspiele sowie zwei Play-Out-Matches gegen Pergolettese auf dem Platz stand.

Der Abwehrspieler besitzt sowohl die italienische als auch die marokkanische Staatsbürgerschaft und kam bereits zehn Mal für mehrere Jugendnationalteams seines Landes zum Einsatz. El Kaouakibi ist in seiner Statur groß gewachsen, bullig und kraftvoll sowie gleichzeitig vielseitig: anfangs noch als Stürmer ausgebildet, wurde er zum Außenverteidiger umgeschult, kann aber zusätzlich auch als Innenverteidiger oder rechter Flügel eingesetzt werden. Die Südtiroler Berge zum ersten Mal erblickt hat er im Sommer 2019, als er von Siniša Mihajlović in den Bologna-Kader für das Trainingslager in Kastelruth einberufen wurde. Anfangs wäre er im letzten Sommer sogar beinahe bei der U23 von Juventus gelandet, jedoch bekam diesen Platz schließlich Gianluca Frabotta, welcher nun im ersten Kader der Bianconeri steht.

Hamza und der Fußball – wo und wann begann diese Leidenschaft?
„Ich habe mit fünf Jahren mit dem Fußballspielen begonnen. Mein Vater hat mich dazu gebracht, er war und ist ein großer Fan des Sports. Ich war damals noch nicht alt genug, aber ich durfte trotzdem mitmachen. Ich war damals auch schon größer als alle anderen und versuchte deshalb, die physische Komponenten zur Geltung zu bringen. Dieser initiale Wachstumsschub war nach einiger Zeit vorbei und ich war urplötzlich der Kleinste im Team. Leidenschaft und Motivation blieben hingegen groß. Alles begonnen hat bei Funo, danach spielte ich, im Alter von 7 bis 13 Jahren, bei Basca, bevor mich dann ein erfolgreiches Probetraining nach Bologna brachte. Bei den Rotblauen durchlief ich von der B-Jugend bis zur Primavera alle Jugendteams und bekleidete dabei alle Abwehrpositionen.“

Gibt es jemanden, der dir in der Welt des Fußballs mehr als andere beigebracht hat?
„Für meinen fußballerischen Werdegang muss ich mich bei vielen Personen bedanken. Wenn ich aber einen aussuchen müsste, würde ich Massimiliano Bartolai, den Verantwortlichen von Basca, nennen. Er hat mich bei meinen ersten Schritten mit wertvollen Ratschlägen begleitet. Auch als im Alter von zehn Jahren Bologna bei mir anklopfte und ich – aus schulischen wie arbeitstechnischen Gründen meiner Eltern – absagen musste. Darüber hinaus gibt es aber viele weitere wichtigen Personen für meine Karriere, wie mein Berater und alle Coaches, die ich hatte. Jeder hat mir etwas Wertvolles mit auf den Weg gegeben.“

Mit dem Wechsel nach Bologna hat es schließlich dann trotzdem geklappt und du konntest dich dort auf dem Rasen beweisen. Stimmt es, dass du dort vom Stürmer zum Außenverteidiger umfunktioniert wurdest?
„Das stimmt. Fußballerisch begonnen habe ich als Stürmer. In den Jugendklassen mit acht Feldspielern spielte ich stets als offensiver Flügelspieler, Achter, Zehner oder gar als Sturmspitze. In meinen Zeiten bei der Primavera verletzte sich dann ein Außenverteidiger und es traf mich, als Flügel, ihn zu ersetzen. Von diesem Moment an begann ich verstärkt, an meinem Spielverhalten in defensiven Phasen sowie an meinen Diagonalbällen zu arbeiten und wurde somit zu einem Innen- wie Außenverteidiger. Die Rolle des Außenverteidigers gefällt mir sehr: sie verlangt höchste Konzentration und auch die Fähigkeit, das Spiel und dessen Verlauf richtig lesen zu können. Nachdem man die Defensivarbeit abgeschlossen hat, kann man sich auch nach vorne mit einschalten, um die Dinge, die man im Training versucht, umzusetzen.“

Es gibt nicht viele Außenverteidiger in deiner Größenordnung um 1,90 Meter…hast du ein Vorbild?
„Ich bedanke mich bei all jenen, die es mir erlaubt haben, mich in einer Position zu profilieren, in der nicht viele große Spieler agieren. Adam Masina, der Außenverteidiger von Watford – und ehemals bei Bologna unter Vertrag – ist eine Inspiration für mich. Auch er hat marokkanische Wurzeln, auch er fing als Stürmer an und wurde später Außenverteidiger. Obendrein ist er ein klasse Typ und hat eine ähnliche Statur wie ich. Er hat mir auch sehr viele hilfreiche Tipps gegeben.“

Man sagt über dich, dass du akribisch auch auf das kleinste Detail achtest?
„Ich weiß, dass ich mich noch verbessern muss und möchte dies auch immer anstreben. Tag für Tag arbeite ich an mir und achte dabei auf jedes Detail. Ich genieße mein Leben, welches sich voll und ganz um den Fußball dreht. Jede Erfahrung, die ich bisher erleben durfte, war für meinen Wachstumsprozess von Bedeutung: der Jugendsektor von Bologna, die marokkanische Nationalmannschaft, die Serie C und jetzt der FC Südtirol. Ich muss mich noch im Eins-gegen-Eins verbessern, arbeite tagtäglich daran und habe bereits große Fortschritte gemacht. Hier beim fCS existiert das optimale Umfeld, in dem ich mich sehr wohle fühle. Ravaglia und Trovade – zwei ehemalige FCS-Akteure – hatten das schon angedeutet.“

Hat Mister Vecchi im Notfall im Sturm ein weiteres Ass im Ärmel?
„(lacht) Mittlerweile habe ich die Bewegungsabläufe für diese Position verloren. Wenn es in der Schlussphase einer Partie einmal vonnöten sein sollte, dann gerne.“

In Modena hast du gezeigt, über welch potenten Schuss du verfügst…
„Ich habe alles, was ich hatte, in den Ball gelegt, der von Beccaro gekommen ist. Es brauchte dort nämlich diesen zündenden Moment, um den Spielverlauf zu drehen, da wir bis dahin Probleme hatten. Somit ging ich entschlossen in diesen Abschluss und hat sich ausgezahlt. Ich habe ein schönes Tor erzielt, das uns für den Rest der Partie Selbstvertrauen und Glaube vermittelt hat, und wir konnten schließlich die drei Punkte mit nach Hause nehmen.“

Das Tore-Schießen ist für dich nichts Neues: aber ist dir ein Treffer auf die Art und Weise wie in Modena bereits geglückt?
„Ein Tor durch einen Weitschuss wie in Modena ist mir bisher noch nie geglückt. Ich bin froh über den Treffer und auch über meine Position als Außenverteidiger. Wenn es die Situation zulässt, darf ich mich nach vorne einschalten. Das gefällt mir.“
Hamza El Kaouakibi, der Perfektionist
Hamza El Kaouakibi, der Perfektionist
Wie man an deinem Akzent unschwer erkennt stammst du aus Bologna und auch deine Spielerrechte liegen beim FC Bologna. Ist es dein Traum, nach den gesammelten Erfahrungen eines Tages wieder zu den Rotblauen zurückzukehren?
„Es stimmt, ich bin im Trikot der Rossoblù aufgewachsen und bin ein Bologneser. Eines Tages für Bologna zu spielen, wäre die Krönung eines Traumes, aber daran denke ich zurzeit nicht. Im Moment konzentriere ich mich voll und ganz auf diese Saison. Ich muss mich noch stark verbessern und ich habe große Lust, hier viel zu erreichen. Wir sind ein motiviertes Team, ein toller Klub und spielen in einer fordernden Meisterschaft. Hier habe ich das richtige Umfeld gefunden, welches mir erlaubt, unter den besten Bedingungen mein Bestes zu geben.“

Deine Karriere in der Primavera-Mannschaft von Bologna begann in der Saison 2015/2016, noch in deiner eigentlichen Zeit bei der Unter 17. In der Spielzeit 2016/2017 warst du oft dabei und 2017/2018 in Meisterschaft wie im Pokal im Einsatz: was war das für eine Zeit?
„Es war eine wichtige, aber aufgrund von mehreren physischen Problemen auch schwierige Zeit. Ich konnte nicht mit der Kontinuität spielen, wie ich mir das gewünscht habe. Den Ausschlag dafür gab ein Wachstumsspurt von 23 Zentimetern innerhalb von anderthalb Jahren. Ich musste mithilfe von besonderen Heilmethoden Rücksicht auf meine Muskulatur geben, was sehr fordernd war.“

Erzähl uns ein wenig von deiner Familie…
„Ich habe marokkanische Wurzeln, mein Vater Noureddine kam im Jahre 1985 nach Italien, meine Mutter Saida Bokhri hingegen im Jahre 1991. Beide sind seit rund 15 Jahren italienische Staatsbürger und haben sich in Bentivoglio niedergelassen. Dort sind mein großer Bruder, Ayoub, und ich geboren. Meine Familie hat mich immer unterstützt und ermutigt. Ich stehe in ihrer Schuld und möchte an dieser Stelle auch noch einmal öffentlich ‘Danke‘ sagen.“


Dank deiner doppelten Staatsbürgerschaft konntest du wählen, für welches Nationalteam du spielen möchtest – dabei hast du dich für die Selektion von Marokko entschieden, wo du bereits für mehrere Jugendnationalmannschaften aufgelaufen bist: was war das für eine Erfahrung?
„Das Abenteuer Nationalteam begann für mich im März 2017 mit der Einberufung zu den beiden Freundschaftsspielen der Unter 20 gegen Gambia. Ich nahm anschließend mit Marokko unter der Leitung von Mark Christian Wotte an den Jeux de la Francophonie teil, welche in Abidijan an der Elfenbeinküste stattgefunden haben. Die Spiele finden alle vier Jahre statt und beinhalten sportliche wie kulturelle Wettkämpfe und Veranstaltungen. Dabei nehmen TeilnehmerInnen aus den 53 Mitgliedstaaten der Organisation Internationale de la Francophonie teil. Wir konnten vor der Elfenbeinküste und Mali gewinnen. Ebenfalls konnte ich in der Unter 21 spielen, beim 0:4 gegen das italienische Nationalteam von Gigi Di Biagio. Ich bekleidete die Position des Rechtsverteidigers und versäumte um ein Haar einen Treffer per Kopf. Insgesamt kam ich dabei auf zehn Einsätze.“

Wie siehst du dich selbst?
„Als einen einfachen, offenen Jungen, der auch über sich selbst lachen kann. Wie bereits erwähnt, bin ich sehr detailorientiert. Es gefällt mir, Fehler auszumachen und auszubessern.“

Was war bisher dein schwierigster Moment?
„Das Jahr, in dem ich in Verwaltung, Finanzen und Marketing maturierte. Ich musste mich operieren lassen, wurde ins Nationalteam berufen, nahm am Turnier in Viareggio teil und konnte das Jahr nicht beenden. Auch im letzten Jahr war es nicht einfach für mich: in Piacenza stand ich nach einer Verletzung zu Saisonbeginn wieder zur Verfügung, kam im Anschluss aber nicht oft zum Einsatz. Im Jänner folgte der Wechsel nach Pianese und wenig später die Zwangspause durch die Pandemie.“

Wie ist dein Leben neben dem grünen Rasen?
„Meine Freizeit verbringe ich – wenn möglich – mit meinen Eltern, denen ich sehr verbunden bin. Es gefällt mir, Biographien von Fußballern zu lesen, aber auch Texte zur Ernährung und der Physiotherapie. Im Gesamten lebe ich das Leben eines Profis gern, da ich weiß, wie wichtig das für mich ist.“

Welche Ziele hast du dir für diese Saison gesteckt?
„Immer alles zu geben, sei es auf wie neben dem Platz, im Alltag. Ich bin sehr motiviert und brenne darauf, gute Leistungen zu zeigen. Ich bin mit der festen Überzeugung zu diesem tollen Klub gekommen, der Mannschaft zu helfen, ich möchte dem Trainer stets zur Verfügung stehen. Wir arbeiten alle sehr hart, sind sehr fleißig, da wir alle denselben Wunsch verfolgen, hier Großes zu schaffen.

Ist dir bewusst, aufgrund deines Nachnamens der gefürchtetste Spieler für alle Ansager in den Stadien sowie den Kommentatoren im Fernsehen und im Radio zu sein?
„(lacht) Ja, ich weiß! Mein Name ist am Anfang tatsächlich nicht einfach auszusprechen. Man muss den Namen vorher doch etwas üben.“

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